Die Zukunft der Therapieberufe

Die Zukunft der Therapieberufe

Die Weichen werden gestellt

Wie wird die Zukunft der Therapieberufe gestaltet? Mit der Vorlage der Eckpunkte der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Gesamtkonzept Gesundheitsfachberufe“ ist nun klar geworden, in welche Richtung es gehen soll. Auch wenn es sich nur um Eckpunkte handelt, so stecken sie doch das Feld ab, auf dem verhandelt wird.

Der Fokus liegt auf der Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen

Hier wird bereits in der Einleitung der Eckpunkte ein ganz dickes Brett gebohrt. Und wer sich in den letzten Jahren für eine Verbesserung der Situation im Therapiebereich eingesetzt hat, kann sich hier wiederfinden.

Finanzielle Hilfen sollen Anreize geben

So stehen die Schulgeldfreiheit und die Einführung einer Ausbildungsvergütung ganz oben auf der Agenda. Das sind zwei wesentliche Punkte. Denn die Zukunft der Therapieberufe hängt von den jungen Menschen ab, die diese Berufe für sich wählen. Schulgeld und eine fehlende Vergütung schrecken ab, was man an den sinkenden Absolventenzahlen sehen kann. Hier konnten sich die aktiven Kolleginnen und Kollegen sehr deutlich durchsetzen.

Die Inhalte und Qualitätsstandards der Ausbildung ändern sich

Hier ist von einer Revision der Berufsgesetze und der Prüfungsordnungen die Rede. Die kompetenzorientierte Ausgestaltung der Ausbildung soll zu evidenzbasierter Entscheidungsfindung und Handlungsplanung in der individuellen Patientenversorgung führen. Inhalte, wie sie bisher vornehmlich in der hochschulischen Ausbildung zu finden waren. Auch der Forderung nach einer deutlichen Aufwertung der Ausbildung von Therapeuten kann die Politik so gerecht werden. Wie dies jedoch in einer grundständigen Ausbildung in Fachschulen umgesetzt werden soll, bleibt abzuwarten.

Auch die Qualifikation der Schulleitungen, der Lehrkräfte und der Praxisanleiter soll neu geregelt werden. So sollen Schulleiter neben einer Ausbildung in einem Gesundheitsfachberuf künftig auch über eine pädagogische Zusatzqualifikation und ein Hochschulstudium auf Master-Niveau verfügen. Lehrkräfte sollten in einer noch zu definierenden Anzahl über eine Ausbildung und einen Bachelor im Bereich Pädagogik verfügen. Forderungen, die der neuen Ausrichtung der Ausbildung auf Evidenz und Kompetenzorienterung gerecht werden und eine logische Konsequenz daraus sind.

Ausbildungen sollen durchlässig werden

Was hier so schwammig daherkommt, kann ein zentraler Punkt in der künftigen Ausbildung sein. Betrachtet werden zwei Arten der Durchlässigkeit. Wobei eine eine echte Erleichterung für den Zugang zur Ausbildung sein kann, die Andere Einschnitte in der Patientenversorgung provozieren kann.

Horizontale Durchlässigkeit

Horizontale Durchlässigkeit in der Ausbildung bedeutet, dass einschlägige Vorkenntnisse in der Ausbildung und Prüfung anerkannt werden. Somit soll erleichtert werden, dass eine Fachkraft in einen anderen Gesundheitsberuf wechselt. So könnte es Pflegekräften durch Anrechnung ihrer Kenntnisse erleichtert werden, in einen Therapieberuf zu wechseln. Was nach einer Umverteilung aussieht, ist ein wichtiger Schritt gegen die Abwanderung aus den Gesundheitsberufen. Auch ist ein Zulauf aus dem pädagogischen Bereich und der Medizintechnik denkbar.

Vertikale Durchlässigkeit

Die vertikale Durchlässigkeit ist in den Therapieberufen weitgehend bereits Realität. Gemeint ist die Möglichkeit, auf die bestehende Qualifikation aufbauen zu können und so einen Zugang zur hochschulischen Ausbildung zu erhalten. Je nach Hochschulrecht der Länder ist das heute auch schon ohne Abitur möglich. Was die Zukunft der Therapieberufe angeht, liegt hier auch eine Gefahr vor. Denn, wenn die Politik diese Durchlässigkeit regelt, kann dies auch zu einer Verteilung der Zuständigkeiten innerhalb der Berufe führen und Berechtigungen an Kompetenzniveaus knüpfen.

Akademisierung und Direktzugang

Interessant ist, dass ein vom Gesundheitsminister geführtes Gremium den Direktzugang thematisiert. Geknüpft wird er an die Akademisierung der Gesundheitsberufe. Hier wird argumentiert, dass ein Direktzugang über eine intensivere Ausbildung im Bereich der Diagnostik zu erreichen sei, was über die bisherigen Prüfungsordnungen hinausgehe. Angesichts der Vielfältigkeit der Berufe, die unter diese Eckpunkte fallen, ist dieser Einwand durchaus gerechtfertigt. Explizit erwähnt werden jedoch die Therapieberufe, für die ein Direktzugang unter Wahrung der Patientensicherheit denkbar sei. Es bleibt also zu hoffen.

Für die Akademisierung sieht das Gremium zwei Wege, die deutliche Unterschiede machen.

Teilakademisierung

Die Teilakademisierung ist in Bereichen üblich, in denen Aufgaben und Berechtigungen nach Kompetenzstufen vergeben werden. So wird in den Eckpunkten mit dem Pflegebereich argumentiert, wo dies nötig sei.

Bei der Teilakademiserung werden die Angehörigen eines Berufes in zwei Gruppen betrachtet. Einerseits die Fachschulabsolventen, die einfache Tätigkeiten (was auch immer das sein soll) übernehmen können. Auf der anderen Seite stehen die Akademiker, die komplexe Aufgaben und Führungsrollen übernehmen können. Im Rahmen der Teilakademisierung werden Studiengänge angeboten, die auf der fachschulischen Ausbildung aufbauen und zu akademischen Abschlüssen führen. Dies ist in den Therapieberufen bereits der Fall und es gibt schon zahlreiche Absolventen.

Hier liegt die Gefahr

Die Teilakademisierung kann zu empfindlichen Einschnitten jetzt selbstverständlicher Freiheiten führen. So kann die Erteilung einer Zulassung oder die Benennung einer fachlichen Leitung von einem akademischen Grad abhängig gemacht werden. Wie dies gestaltet sein kann, ist dem Eckpunktepapier im Bereich II zur Revision der Berufsgesetze und der Neuordnung der Schulen zu entnehmen.

Auch wenn sich die Experten gegen eine Ausbildung von Helfern unterhalb des Fachschulniveaus aussprechen ist eine Degradierung der ausgebildeten Therapeuten nicht ausgeschlossen.

Die Vollakademisierung

Unter der Vollakademisierung versteht man die Einführung einer neuen Zugangshürde zu einem Beruf über die Hochschule. Hierbei werden alle neuen Akteure einer Berufsgruppe an Hochschulen ausgebildet. Ob hierbei Spezialisierungen möglich sind, spielt zunächst keine Rolle für den Berufszugang. So könnten die bestehenden Modellstudiengänge mit Bachelor berufsqualifizierend sein und die Masterstudiengänge zur Forschung, Lehre und Leitung befähigen. Ein großer Vorteil der Vollakademisierung ist, dass sie unter Berücksichtigung existierender Besitzstände aktueller Kolleginnen und Kollegen erfolgen kann.

Ob und in welchen berufen eine Akademisierung nach einem der beiden Modelle für den Direktzugang erforderlich ist, soll in jedem beruf einzeln geprüft werden. Es bleibt also abzuwarten, ob sich die Therapieberufe darunter finden.

Die Finanzierung

Als letzten Punkt thematisiert die Arbeitsgruppe die Finanzierung der Vorhaben. Bleibt Details jedoch schuldig.

Fest steht wohl schon, dass die Ausbildung und die Ausbildungsvergütung über das Krankenhausfinanzierungsgesetzt (KHG) erfolgen soll. Analog zur Pflegeausbildung sollen die Kliniken als Träger der Ausbildung diese über das KHG finanzieren. Schulen, die nicht an Kliniken angeschlossen sind, sollen evtl. über Kooperationen eingebunden werden.

Da gerade die Therapieberufe maßgeblich nicht an Kliniken ausgebildet werden, ist dieser Punkt von besonderer Bedeutung.

Dass es in Richtung Akademisierung geht scheint klar zu sein. Aber gerade bei einer Teilakademisierung ist der Erhalt der Ausbildungsstätten wichtig. Und gerade die Fachschulen in privater Trägerschaft verfügen nicht über eine strukturelle und organisatorische Nähe zu einem Lehrkrankenhaus.

Für freie Träger kaum interessant

Die bisherige Finanzierung von Ausbildung über das KHG wird in Form von Ausbildungszuschlägen auf die Vergütung der Kliniken gewährt. Diese profitieren dabei sowohl von der personellen Ausstattung durch die Auszubildenden, als auch von Zulagen für die Vergütung und die Fort- und Weiterbildung der Lehrenden.

Ob eine Finanzierung der Fachschulen in freier Trägerschaft nach den Regelungen des KHG überhaupt zu einem tragfähigen Fortbestand der Fachschulen führen kann, ist fraglich.

Die Ausbildung geht an die Kliniken

Eine Verlagerung der Ausbildung an die Kliniken, wie es die Finanzierung nach den Eckpunkten vorsieht, hätte für die Heilmittelpraxis dramatische Folgen. Und das in zweierlei Hinsicht.

Fachkräftemangel durch Reduzierung der Schulplätze

Sollte es nicht zu einer wettbewerbsfähigen Finanzierung der Fachschulen in freier Trägerschaft kommen, könnte dies den Verlust von Schulplätzen für Therapiefachberufe bedeuten. In zahlreichen Regionen wären dann kaum noch Ausbildungsplätze vorhanden. Mittelfristig würde das den heutigen Fachkräftemangel noch verschärfen und somit die Patientenversorgung gefährden.

Fachkräftemangel durch Konkurrenz mit Kliniken

Zusätzlich zum allgemeinen Fachkräftemangel in den Therapieberufen käme es bei einer Anbindung der Ausbildung an die Kliniken zu einem völlig verzerrten Wettbewerb der Praxen mit den Kliniken. Denn die Umlagefinanzierung der Ausbildung verschafft den Kliniken nicht nur einen Vorteil während der Ausbildung.

Zusätzlich halten die Kliniken durch die eigene Ausbildung einen sicheren Zugang zu Fachkräften und können diese durch interessante Angebote frühzeitig an sich binden. Dieser Wettbewerbsvorteil gegenüber den Heilmittelpraxen ist in Zeiten des Fachkräftemangels erheblich.

Die Zukunft der Therapieberufe steht auf tönernen Füßen

So sehr die Eckpunkte eine Aufwertung der Therapieberufe begünstigen, so sehr bedeuten sie auch Veränderungen, die alle Vorteile ins Gegenteil verkehren. Sei es die Gefahr, dass durch eine Teilakademisierung der exklusive Zugang zu bestimmten Aufgaben Einzug hält oder die Verschärfung des Fachkräftemangels in den Heilmittelpraxen durch die Anbindung der Ausbildung an Kliniken.

Bis aus Eckpunkten ein Gesetz wird, kann einige zeit vergehen. Diese zu nutzen ist jetzt die Aufgabe der Therapeuten und Therapeutinnen.

Bring Deine Ideen und Gedanken gerne in den Kommentaren unter diesem Beitrag ein.

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