Das Gesundheitssystem in der Komplexitäts-Falle

Ein kybernetischer Beitrag zur Versorgungsforschung

So klingt es derzeit aus vielen Richtungen. Diesem Wunsch ist zunächst nicht viel hinzu zu fügen. Wären da nicht noch die vielen anderen Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt. Denn im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung sind auch die Wirtschaftlichkeit, die Zweckmäßigkeit und das „Maß des Ausreichenden“ Kriterien, die für eine angemessene Versorgung unserer Patienten als gültig erachtet werden.

Aber wer sollte entscheiden, was den Bedarf der Patienten unter diesen Vorgaben decken kann. Wo sollte die Wahl des Heilmittels, die Häufigkeit der Anwendung und deren Menge, Form und Inhalt bestimmt werden? Wer kann einschätzen, was unser Patient benötigt, um sein Ziel zu erreichen und wer bestimmt diese Ziele?

Die traditionelle Struktur tut sich schwer

In der bisherigen Struktur unseres Gesundheitssystems sind hierarchische Weisungsketten fest verwurzelt. Auffallend an diesen Weisungsketten ist, dass die Hoheit über die zu treffenden Entscheidungen mit der Entfernung vom Patienten und seinem Bedarf ansteigt. Dieser Umstand ist kennzeichnend für die alten Strukturen, wie sie etwa in militärischen Verbänden vorkommen und die man in Organigrammen abgebildet. Diese zentralistischen Strukturen orientieren sich an eher unnützen Maßstäben wie Macht und Status und sind nur bedingt in der Lage, die Probleme ihrer Zielgruppe wirklich zu lösen. Sie sind behäbig, ja fast gelähmt durch ihre Distanz zur Wirksamkeit an der Basis.

Was früher nützlich war begrenz heute die Potentiale

Was anmutet, wie aus Kaisers Zeiten, hat seinen Ursprung in den Anfängen der Industrialisierung. Die strikte Trennung zwischen dem Denken (Management) und der Arbeit (Werker) machte die Indusdtrie zu einem Wirtschaftsmotor ihrer Zeit und erlaubte auch ungelernten Hilfskräften ein Auskommen in geregelter Arbeit. Insbesondere die Standardisierung von Arbeitsabläufen und die Überprüfung ihrer Einhaltung stammen aus dieser Epoche. Zu dieser Zeit, und diese Denke hält sich bis heute beharrlich, verfügte ausschließlich die Führung über das erforderliche Wissen und setzte Standards (best practice) fest.

Kompliziertes braucht einen Meister, komplexes braucht Meisterlichkeit

Und hier liegt die Crux unserer Zeit. Durch die Verfügbarkeit von Wissen, die Vielfältigkeit von Informationen und die Individualität von Patienten haben wir einen grad an Komplexität erreicht, der mit hierarchischen Strukturen nicht mehr steuerbar ist.

Komplex vs. kompliziert

Frühere Vorgänge waren kompliziert. Sie waren in der Menge der Zusammenhänge umfangreich, ihre Abläufe aber planbar. Die meisten industriellen Abläufe fussen auf diesem Prinzip. Hier braucht es einen Meister, der dem Werker die Dinge erklärt. Danach kann es auch der Werker.

Andere Zusammenhänge, wie die Behandlung von Patienten in der Heilmittel-Praxis, sind komplex. Hier bedarf es der Einzelfallentscheidung. Komplexe Abläufe sind weder linear, noch planbar. Sie zeigen immer neue Gesichter und Muster. Hier hat der Behandler über die höchste Komplexität zu verfügen. Standardisierte Anweisungen, möglicherweise aus Berufsgruppen, die zum therapeutischen Bedarf unserer Patienten eine höhere Distanz aufweisen als der Therapeut selbst, führen nicht mehr zur Lösung des Problems.

Schon heute dürfen in den Praxen der Physiotherapie, der Ergotherapie, der Logopädie und der Podologie Grade an Umfang und Aktualität von Fachkompetenz vermutet werden, wie sie in höheren Instanzen unseres Gesundheitssystems, in Bezug auf die fachlich.therapeutischen Bedarfe unserer Patienten, nicht einmal erahnt werden kann.

Komplexität ändert die Art der Betrachtung

Will man im komplexen Umfeld wirksam sein, benötigt man andere Maßstäbe und Richtwerte. Hierarchie und Standesgedünkel mögen zwar gewisse Sympathien bei Historikern finden, für die zielorientierte und zeitgemäße Behandlung von Patienten sind sie nicht mehr zuträglich.

Ein kybernetischer Bezug

In der Kybernetik findet bei der Betrachtung von Komplexität eine Messzahl Beachtung. Die Varietät. Sie steht der Komplexität gegenüber.

Die Komplexität eines Sachverhaltes sagt aus, wie viele Zustände ein Umstand einnehmen kann. Dies ergibt sich aus der Anzahl der Zusammenhänge, die auf einen Umstand (Diagnose) einwirken. Je mehr Zusammenhänge einwirken, um so komplexer wird er. Mit der Zunahme der Zusammenhänge steigt die mögliche Anzahl an zuständen exponentiell.

Die Varietät liegt auf der Seite des Behandler und sagt aus, auf wie viele dieser möglichen Zustände er reagieren kann. Dass die Varietät>Komplexität sein sollte, ergibt sich aus diesem Sachverhalt.

In den alten Strukturen ist Varietät eine Frage der Hierarchie

Bis heute git, dass der Arzt alleinig die Verantwortung für seine veranlassten Leistungen halten kann. Jedoch verfügt er lange nicht mehr über die erforderliche Varietät dieser Leistungen und ihrer Erbringung. Einer der Gründe ist die Grundlagenforschung auf der Handlungsebene der Therapeuten.

Evidence based practice wendet das Blatt

Denn die jetzt verfügbare evidenzbasierte Therapie ändert in diesem System buchstäblich alles. Hinzu kommt die Digitalisierung, die dieses Wissen mit wenig Aufwand in jede Praxis bringt. Plattformen wie Physiomeetssience.com, Pubmed.de und scholar.google.de machen es verfügbar und für jeden Therapeuten einsetzbar. Dass nötige Wissen um wissenschaftliches Arbeiten vorausgesetzt. Und hier setzt die Akademisierung an. Denn ungeachtet der Tatsache, dass die Therapieberufe auch heute noch an Fachschulen berufsqualifizierend erlernbar sind, setzt sich der Trend der akademischen Aus- und Weiterbildung weiter fort. Das neue Wissen und die akademischen Methoden, dieses in für die Praxis einsetzbar zu machen, breiten sich in den Praxen immer weiter aus. Die Affinität von Therapeutinnen und Therapeuten für Fortbildungen sorgt dafür, dass die Kolleginnen und Kollegen, die keine akademische Aus- oder Weiterbildung absolviert haben, über einen solchen zugaktuellem Wissen verfügen.

Fazit

Um den Bedarf von Patienten der Heilmittel-Therapeuten gerecht werden zu können und hierbei die Wahrung von Wirtschaftlichkeit, der Zweckmäßigkeit und dem Maß des „Ausreichenden“ gerecht werden zu können ist eines unentbehrlich: Die Autonomie der Heilmittelerbringer.

Denn Veranlassung durch Verordnung und die Weisungsbefugnis durch Disziplinen, die nicht über die notwendige Varietät im Bereich der Heilmittel und der Bedarfe ihrer Patienten verfügen, kann auf der Grundlage der heutigen Versorgungswege nicht zu einer wirtschaftlichen und lösungsorientierten Versorgung führen.

Wir wünschen viel Erfolg. Bis zum nächsten Beitrag auf Heilmittel-Praxis.de

Related Articles

Responses

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.